Samstag, 31. März 2012

Das Haiphong Massaker

Idyllisch oder? Allerdings müssen wir für diesen Ausblick auf die Halong Bay zunächst das Massaker von Haiphong überstehen.

1a Aussichtspunkt auf Cat Ba

Unser nächstes Ziel ist nämlich Cat Ba Island. Dazu nehmen wir einen frühen Bus von Ninh Binh nach Haiphong. Vor Ort flitzen wir nach kurzem Feilschen als Sozius zweier Motos vom Busbahnhof zum Hafen.
Hier beginnt unser mehrstündiger Kampf, unbetrogen auf das Boot zu kommen. Die Moto-Fahrer setzen uns direkt an einer Ticketbude ab, damit wir dort überteuerte Fährtickets - und sie 'ne kleine Provision bekommen. Aber so einfach sind wir schon lange nicht mehr übers Ohr zu hauen.

Wir wissen, daß die Tickets 80.000,- Dong für das Slowboat bzw. 100.000,- Dong für das Schnellboot kosten sollen. Da läuft eine vermeintliche Ticketverkäuferin rum, die einem erzählt es gäbe nur noch ein Schnellboot um 12 und das koste jetzt 220.000 Dönger. Wir streifen etwas durchs Gelände, um andere Abfahrtzeiten und Fahrpreise in Erfahrung zu bringen. Doch alle haben sich offensichtlich verschworen und bieten ebenfalls nur Tickets um die 200.000 an. Die übliche Mafiamasche: alle halten dicht und teilen die Beute später.
Nach einer Weile tauchen auch noch 3 Westlerinnen auf, die das gleiche Ziel haben. Auch sie riechen den Braten und wir führen gemeinsam unendliche Diskussionen mit Vertretern der Ticketmafia. Hoffnungslos.

Wir satteln unsere Rucksäcke und machen uns zu Fuß in Richtung Stadt auf, um dort unser Glück zu versuchen. Schon nach wenigen hundert Metern kommen wir mit einem sympathischen Taximann ins Gespräch. Ich wittere eine neue Chance und bitte ihn, die tatsächlichen Fährpreise in Erfahrung zu bringen und ggf. Tickets für uns zu kaufen. Als er vom Hafen zurück ist, berichtet er uns, daß die Preise für Touristen höher seien. Er könne uns zwar "normale" Tickets kaufen, aber möglicherweise hätten wir dann Probleme an Board zu kommen. Grrrr.

In einem großen Bogen nähern wir uns gegen 12 Uhr wieder dem Hafen und machen einen letzten Versuch bei einem Ticketverkäufer. Keine Chance, weiter hinten sehen wir schon wieder das uns bekannte Mafia-Ticketmännchen. Das Netzwerk ist gut gestrickt.

Wir beschließen das Boot ohne Ticket zu entern und bei Kontrolle an Board zu zahlen. Endlich ist der Kahn da und es ist offensichtlich, daß es sich um das "nicht mehr operierende" Slowboat handelt. Als die Einheimischen mit Sack und Pack an Board strömen mischen wir uns darunter. Doch die Tickettante hat uns ausgemacht und versucht uns aufzuhalten, zerrt an meinem Arm und zetert lautstark. Ich schüttle sie ab und wir sind erstmal an Board zwischen all den anderen vietnamesischen Passagieren. Aber das Spiel ist noch nicht gewonnen. Zu dritt folgen uns die garstige Tickettante, ihre Komplizin mit dem Hut und das Mafiamännchen. Lautstark erklären sie uns, daß wir das Boot ohne Ticket wieder verlassen müßten. Dabei zerren sie an uns oder unseren Rucksäcken. Immer wieder versuche ich zu deeskalieren und erkläre, daß wir selbstverständlich den normalen Preis zahlen werden. Doch die Tickettante beschimpft uns nun auch noch aufs übelste. "If you don't have the money you better go back home!" und ähnliche Nettigkeiten.

Nie zuvor in Südostasien wurden wir dermaßen drangsaliert, beschimpft und angegriffen. Und nie zuvor ist es körperlich geworden. Deshalb hab ich ewige Rache geschworen und errichte hier meinen offiziellen Pranger. Dieses Onprangering zeigt die drahtziehende Haiphong-Mafia-Königin. Sie ist, zumindes verbal, die aggressivste von allen.

terroristische Tickettante

Hier ist sie allerdings auf der Flucht vor mir bzw. meiner Kamera, als ich nach unserer Rückkehr versuche Beweisfotos zu machen. Doch wie geht nun erstmal unsere Hintour aus?

Die große Komplizin mit dem konischen Hut scheut nicht vor Tätlichkeiten und ich muß sie an beiden Unterarmen festhalten, damit sie aufhört auf meine Brust zu trommeln. Ramona, von Natur aus harmoniebdürftig, ist zu diesem Zeitpunkt schon total eingeschüchtert und geknickt. Sie klammert sich an ihren Rucksack und würde am liebsten zahlen, flüchten oder heulen. Ich erkläre unseren Widersachern, daß wir bereit sind 100.000 statt der korrekten 80.000 zu zahlen. Sie wollen inzwischen auch nur noch 180.000 pro Nase.

Als ich irgendwann 200.000 Dong zücke, scheint das Mafiamännchen einzulenken und verschwindet mit der Kohle vom Boot. Da schreit die gehässige Hexe sofort: "Ha, now you have no ticket when the captain is checking the tickets and you'll have to leave the boat!"
Bestürzt bemerke ich meinen Fehler - Geld wech und keine Tickets! Doch das Mafiamännchen ist nur "half evil" und kommt nach kurzer Zeit tatsächlich mit Papierfetzen zurück, die evtl. als Tickets anerkannt werden könnten. Unterdessen wird die Terror-Tickettante nicht müde, uns weiter zu verfluchen und uns die Pest an den Hals zu wünschen.

Interessante Randbemerkung. Bei all dem Geschreie und Gekämpfe haben wir zwar sämtliche Aufmerksamkeit auf uns gezogen, doch kein einziger der anderen Passagiere ergreift Partei - weder für uns noch für unsere Plagegeister. Alle glotzen nur. Das mag aber auch an der Sprachbarriere liegen. Andere weisse Passagiere sind nicht in Sicht.

Als der Kahn ablegt und die Aggressoren zurückbleiben sind wir vollkommen erschöpft vom Gemetzel und kommen endlich etwas zur Ruhe.

Zwischenstopp in Cat Hai

Irgendwann geht ein Kassierer rum und verkauft Tickets. Niemand außer uns scheint schon welche zu haben. Und was zahlen die Einheimischen? Natürlich 80.000 Dong.
Dieser Fakt macht uns noch mal extra wütend auf die Haiphong-Ticketmafia. Mit welcher Bestimmtheit und Aggressivität sie uns verarschen! Doch wenigstens werden unsere Papierfetzen akzeptiert und wir müssen kein zweites mal zahlen. Später treffe ich am Bug des Bootes die 3 anderen Mädels wieder. Sie haben vorab je 180.000 gezahlt.
Hab mal kurz recherchiert. Auch andere hatten schon Ärger am Hafen von Haiphong.

Ab jetzt wirds für uns wieder entspannt. Auf Cat Ba entdecke ich diese wunderlich behelmten Urzeit-Krebstiere in den Aquarien vor den Restaurants. Sie sind wohl für den Verzehr vorgesehen.

urzeitliche Helmkrebse

Überhaupt gibt es mal wieder Tiere zu entdecken. Die Insel ist abseits von Cat Ba Town recht dünn besiedelt und läßt sich wunderbar auf dem Mopped erschließen. Dabei stoßen wir auf diese seltsame Schmetterlingsansammlung. Auf einer organisierten Dschungelwanderung quer über die Insel taucht weiteres Kleingetier auf. Auf dem Trip sind außer uns noch zwei französische Brüder vietnamesischer Abstammung dabei. Sie erzählen uns, daß sie etwas enttäuscht sind von Ihrem Herkunftsland bzw. der Art wie sie hier behandelt werden. Das Vietkieus in Vietnam oft diskriminiert werden, hatte ich auch schon mal im Buch "Mond über den Reisfeldern" erfahren.
Interessant für uns, wie diese französischen Vietnamesen ein total typisch-französisches Wesen haben. Ein Beweis dafür, daß man komplett von seinem Umfeld geprägt wird.

Schmetterlingshaufen Baumbrücke Dschungelkrebs? Dschungelkröte?

Kurz hinter dem Krötensee, an einer steilen Steigung spaltet ein Krachen unsere kleine Wandergruppe. Zwischen uns und den etwas hinterherhängenden Franzosen knallt plötzlich ein riesiger Ast aus dem Blätterdach. Einer der Brüder bringt sich mit einem beherzten Sprung geradeso noch in Sicherheit. Naja, wer zu spät kommt... aber es is ja nix passiert. Der gleiche Kollege verzichtet später auf den Aufstieg zum Aussichtspunkt und damit auf den grandiosen Blick auf die Halong Bay.

Vorbei an meinem geliebten Reis und entlang eines Steiluferweges werden wir am Ende von einer kleinen Dschunke aufgelesen, die uns zurück nach Cat Ba Town bringt. Die Insel kann sich damit als von uns überschritten betrachten.

mmmh grün schipper schipper

Auf einer weiteren Tour, diesmal mit einem großen stilechten Boot, absolvieren wir die Klassiker in der Halong Bay, also das weswegen man hier eigentlich herkommt.

Na dann wolln wir mal...

Dazu gehört Kanufahren und Baden, die Aussicht von Deck genießen oder einen Berg auf Monkey Island erklimmen. Keine Ahnung wieviel "Monkey Islands" es weltweit gibt, dies ist jedenfalls nicht die erste von uns besuchte Affeninsel, die vollkommen ohne Affen auskommt.

schroff, schroffer, herrlich

Der Tag ist ratzfatz um und während alle anderen sich auf dem Oberdeck philosophischem Geschwätz hingeben, filme ich diese Abendstimmung und sinniere dabei über die Sachen, die das Leben schöner machen und träum von all den schönen Dingen, die uns so viel Freude bringen.

Abendstimmung bei Cat Ba Town umme Ecke

Wir wollen wieder in Haiphong zurück aufs Festland gelangen, alleine schon um dem Hafenpersonal dort einen Besuch abzustatten. Zu diesem Zeitpunkt bin ich fest entschlossen, Fotos von den Mitgliedern der Ticketmafia zu machen und die Gang beim Tourism Office in Hanoi anzuzeigen. Die Rückfahrt ist auch noch ganz witzig. Die ganze Story hab ich aber schon mal in einer Mail an ein Pärchen dokumentiert, das wir auf Cat Ba kennegelernt haben. Die hatten sich auch eine Schlacht mit der Ticketmafia in Haiphong geliefert. Der geneigte Leser mag sich hier an der nur leicht gekürzten Originalfassung dieser eMail gütlich tun.

Meine geplante Petze beim Tourism Office ist leider auch nicht erfolgreich, da es mehrfach umgezogen ist und sich in ganz Hanoi nicht wieder auffinden läßt. Resigniert beschränke ich mich auf das posthume Online-Onprangering, dem ich hiermit Rechnung trage. Somit finde ich endlich wieder meinen inneren Frieden. Mmmmh.

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