Mittwoch, 11. August 2010

Von Plastetüten, dem Verlust der Komfortzone und einem Huhn

Wir sind ja meistens mit dem öffentlichen Personennahverkehr unterwegs. Dieser kommt in den verschiedensten Varianten daher - ist aber niemals langweilig.
Oft werden neben den Passagieren auch noch ein paar zusätzliche Kleinigkeiten verstaut, wie z.B. ein paar Zentner Reis, 'ne Anbaureihe oder ein Atomkraftwerk.

Bemo - der is noch lange nich voll

Auch kleinere Verkehrsmittel erfreuen sich bei uns hoher Beliebtheit. Hier unser erster Kontakt mit einem Becak. Zwei Indonesier mögen da nebeneinander bequem reinpassen. Unsere Becken verkeilen sich wunderbar in der Bank und bringen so einen automatischen Sicherheitsgewinn bei gewagten Bremsmanövern.

Aus dem Flieger rein ins Becak

In Indonesien sind fast alle Disziplinen des Busfahrens in Indien in ähnlicher oder leicht abgewandelter Form vertreten. Der durchschnittliche Bus ist oft nochmals deutlich kleiner - etwa wie ein geschrumpfter Barkas mit vier Sitzbänken. Auf jede Bank werden 4-6 Leute gequetscht. Is aber in Wirklichkeit irgendein Isuzu oder was ähnlich Unaussprechliches. Es zwängen sich also ca. 20 Leute in dieses Ding. Hier ein Beispielbus VOR der Beladung.

Ramona beim Strassenflirt

Im "Buch" wird dieses Ding als Chickenbus bezeichnet und ich konnte die Beschreibung 100% nacherleben. Zuerst muß man sich mit dem totalen Verlust seiner eigenen Komfortzone abfinden. Westeuropäische Berührungsängste sind den Indonesiern fremd. Der äußerst schmale Gang zwischen den Reihen wird zuletzt mit Puppen-Plastehöckerchen aufgefüllt und besetzt. Da zu allen Seiten Leute sitzen, kann man theoretisch auch nirgendwo hinrutschen.

Besonders erdrückend war hier die Rückfahrt nach Berastagi nach unserer Vulkanbesteigung, als wir in einen (vermeintlich) vollen Bus zugestiegen sind. Alle Plätze waren bereits mehrfach besetzt - deswegen wird man aber nicht zurückgelassen. Meine Frage ob ich aufs Dach klettern dürfte wurde mit dem Hinweis auf die "Polisi" abgewiesen.
Ich hatte nämlich auf einer der ersten Chickenbusreisen neidisch die Schulkinder beobachtet, die einfach aufs Dach geklettert sind.
Diesmal nicht - also rein in die nichtvorhandene Lücke und im Gang dahocken - stehen ist auf Grund mangelnder Bauhöhe für mittelgroße Europäer nicht drin.

Ich habs nachgezählt. Ich hatte gleichzeitig Körperkontakt zu 6 weiteren Passagieren: Mit dem rechten Arm hab ich mich an einer Vorderlehne festgekrampft und dabei zwangsläufig dem Draufsitzer in den Rücken gegrabscht. Hochstapelei Mein rechter Oberschenkel lehnt relativ bequem an dem glücklichen Mädchen rechts von mir, das noch Anteile eines echten Sitzes ergattern konnte. Von hinten rechts bohrt sich ein Knie in meinen Rücken. Mit dem linken Arm kralle ich mich an Ramona fest, die im Tritt noch aufrecht stehen kann. Außerdem berühr ich zwangsläufig den Typen der zusammen mit Ramona im Tritt steht und den Cowboy links hinter mir mit dem Ellenbogen. Herrlich. Nur bei LKWs wird noch enger gepackt und höher gestapelt.

Ein anderes mal mußten wir auf der Tour von Berastagi nach Parapat an einem absolut runtergekommenen Busbahnhof in Pematangsiantar umsteigen. (Der Ort heißt echt so und Ramona konnte sich daran erinnern ohne nachzuschauen!) Ich bereue zutiefst keine Fotos oder, noch besser, ein Video gemacht zu haben. Aber wir hatten mit uns selbst zu tun, und man will nich, daß der Gepäckvomdachrunterwerfemann seinen Rucksack in 'ne Modderpfütze oder 'nen Straßengrill feuert. Der Untergrund war schwer zu deuten und beim Versuch mich in eine verkehrstechnisch günstige Position zu bringen, bin ich auf eine Art aschbraunen Plastehügel getreten - hab ich gedacht. Hat sich dann als Schleimglibbersoße mit Eiterschaumkrone herausgestellt und ich bin erstmal Knöcheltief in dieser Sumpfgrube versackt. Klingt witzich aber in dem Augenblick hat außer Ramona niemand gelacht.

Nach dieser Demütigung hab ich uns um die verschiedenen Dreckseen, Modderlöcher und brennenden Bio-Plaste-Kombi-Komposthaufen herummanövriert, um zum richtigen Chickenbus zu gelangen. Der is natürlich schon "voll" und ich wink schon ab "Wir warten auf den nächsten". Das Problem is - das nützt garnichts, denn auch der nächste Bus wird bis zum Anschlag vollgestopft bevor er abhebt.

Na jedenfalls ich so, "Oh, is ja voll nett daß der Typ da hinten in der letzten Reihe für mich aussteigt." Der is aber nur etwas gerutscht, um mir meine "Lücke" sichtbar zu machen. OK! - ich muß meine Füße nach hinten durchquetschen. Für mich die ideale Gelegenheit meinen Schleimschuh schon mal grob an seiner Hose vorzuputzen.

Doch nur weil alle sachgerecht verklemmt sind heißt das noch nicht, daß es losgeht. Der Fahrer geht evtl. noch mal was essen, kacken oder hält 'nen ausgiebigen Schwatz mit seinen Kumpels während wir Insassen in der prallen Mittagshitze den Innenraum schon mal leicht vorglühen.

Als nächstes kuckt n einzähniges, wettergegerbt-verhungertes Männchen durch das Loch wo normalerweise 'ne Seitenscheibe wäre und will uns Erdnüsse oder ähnliche Geduldsspiele verkaufen. Und wieder wünscht ich, ich könnte jetzt die Kamera draufhalten - aber die ist irgendwo unten im Tagesrucksack auf meinem Schoß und meine Arme kann ich unmöglich bewegen. Doch endlich hebt das Raumschiff ab.

Normalerweise erlangt man irgendwann eine Art Gleichgültigkeit und nimmt seine allseitige Eingeklemmtheit als unabänderbar hin. In diesem Fall kam aber erschwerend hinzu, daß die klappbare Vorderlehne nicht mehr einrasten konnte. D.h. immer wenn die 6-köpfige Familie vor uns sich angelehnt hat, lastete das Gewicht auf den Knien der Leute dahinter - bzw. auf den Knien desjenigen, mit den längsten Beinen ... Kennt ihr die durchschnittliche Körpergröße eines Indonesiers?
Ich wünschte ich könnte mit Ramona tauschen. Die teilt sich weiter vorne ein Lücken-Puppenhöckerchen mit einer Batak-Frau, die mit ihrem Haupt friedlich auf ihrem Rucksack schlummert.

In Parapat angekommen schäle ich mich stolz aus dem Bus, versuche auf den eingeschlafenen Beinen Halt zu finden und schaue verächtlich auf die Backpacker, die im bequemen Touri-Shuttle-Jeep angereist sind.

Aber nicht immer sind die Chickenbusse so voll. Auf einer anderen Fahrt sitzen wir mit drei Omas in der zweiten Reihe. Die eine hat krass vorstehende Zähne und noch krassere rote Lippen. Die kauen glaub ich Betelnüsse oder sowas. Aber das nur am Rande. Irgendwann nickt die Oma neben Ramona ein und kippt immer auf ihre Seite. In der Reihe hinter uns sitzt nur ein junges Mädchen und dahinter auch nur zwei Figuren. Halte Budi Trotzdem kommt niemand auf die Idee, daß alle etwas mehr Luft hätten, wenn vielleicht jemand eine Reihe nach hinten geht. Die 3 Omas rühren sich nicht und blockieren die Tür. Ramona ist irgendwann extrem genervt und klettert beim nächsten Stopp nach hinten. Die Omas kucken verständnislos.
Das hier, falls ihr Euch fragt, woher wir immer wissen, wann wir aussteigen müssen.

Die Inneneinrichtung einiger Bemos ist oft gewöhnungsbedürftig. Aber ganz viele Sachen - bevorzugt Sitzmöbel - bleiben in Indonesien für immer eingeschweißt und dadurch auch ewig neu - und man fühlt sich unendlich geborgen.

Innenausstattung Bemo

Anders als in Indien wird in Indonesien übrigens nicht direkt aus dem Fenster sondern sehr dezent in eine Plastetüte gekotzt. Diese wird dann erst nach Befüllung aus dem Fenster gepfeffert. Immer besonders witzich bei Gegenverkehr. Auch ist die Beteiligung deutlich geringer - nur ein Kotzer pro Fahrt. Weitere kleine Randbeobachtung: indonesische Kotze stinkt nicht - wieso hab ich noch nich rausgefunden.

Den wortwörtlichen Chickenbus konnten wir aber auf der Fahrt von Parapat nach Medan erleben. In diesem Fall handelte es sich allerdings um einen 'großen' Bus und es werden normalerweise nicht mehr Tickets als vorhandene Sitzplätze verkauft. Jedenfalls, nach einiger Zeit fing es in der Reihe hinter uns an zu gackern. Da hatte 'ne Omi 'n Huhn oder Hahn im Korb - hab ich gedacht. Die Omi hat dem Huhn immer wieder freundlich aber bestimmt die Luft abgedrückt damit es den Schnabel hält. Als sie ausstieg und ich mich wieder bewegen konnte, hab ich einen schnellen Blick auf das Federvieh werfen können. Natürlich war das Huhn nicht in 'nem Korb sondern stilsicher und artgerecht in 'ner Plastetüte verstaut. Wozu die alles gut sind! Ein Teufelszeug. In Asien kommt einfach alles in Plastetüten wenn man nicht aufpaßt - auch Plaste-Wasserflaschen!

In Ray Leh hat uns mal jemand von irgend 'nem Strand in Thailand erzählt. Durch den Monsun oder so weht da regelmäßig der ganze Plastemüll aus Indonesien rüber. Da konnte er knietief in Plasteflaschen, -tüten, -bechern usw. waten.
Außerdem hab ich neulich irgendwo gelesen, daß die riesigen Lederrückenschildkröten immer verrecken weil sie sich versehentlich im Wasser treibende Plastetüten reinpfeifen, die sie für Quallen halten. Leben wir nicht in einer herrlichen Welt?

Falls ihr Euch wundert warum ich immer Plastetüte statt Plastiktüte schreib - das is Absicht. Als Ossi darf ich das, wir habens nämlich erfunden und aus patentrechtlichen Gründen müssen Wessis Plastik sagen.
Carsten (Gast) - 28. Aug, 14:23

fast haett ich eingemacht

Hallo Ihr zwei,

also die Beschreibung der Bussfahrten und des drum herum ist einfach genial. Ich kann das nachempfinden, da ich ja in Ghana auch mal aehnliches miterlebt habe.
Yvonne ist von oben runter gekommen weil ich traenen lachend auf der Couch sass und euren Artikel gelesen habe.
Danke

diestel - 2. Okt, 15:31

Sama Sama

heisst "gerngeschehen".
Ja, der Transport in Indonesien bleibt Thema Nr. 1 bei uns. Gestern sind wir mit dem Bus von Gorontalo nach Manado gefahren. Zwischendrin hat der Fahrer mit uns allen an 'nem Wasserfall gehalten, um seinen Wagen zu waschen. Ramona war das sofort klar...

Man trifft so selten Leute mit Afrikaerfahrung - aber ich kann's mir vorstellen.

Viele Gruesse nach Suedkorea (hab ich mir sagen lassen...)

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