The Motorcycle Diaries II

Das Tröpfchen Sprit im Tank bringt uns nicht weit und wir bleiben in einem Außenbezirk Hanois stehen. Ein hilfsbereiter Vietnamese kutschiert mich zur nächsten Tankstelle, damit ich etwas Benzin in eine Brauseflasche zapfen kann. Jetzt starten wir richtig durch und das Aufkommen von Mensch und Behausung wird endlich weniger.

Kurz vor unserem Tagesziel verfinstert sich plötzlich der Himmel und ein Sturm kündigt sich an. Als der Regen einsetzt ist an eine Weiterfahrt nicht zu denken und wir finden mitsamt Motorrad bei einer Familie Unterschlupf bis sich das Wetter wieder beruhigt. Die abendliche Einfahrt nach Pac Ngoi mit den noch düsteren Wolken darüber ist absolut magisch. Der Ort besteht nur aus einer Ansammlung von gestelzten Häusern, die sich zwischen See und Steilhang quetschen.

magisches Pac Ngoi

Wir sind die einzigen Gäste im Hoa Son Guesthouse und genießen den Ausblick von der Terasse bei den leckeren Mahlzeiten, die uns die Hausherrin serviert. Tags darauf geht's auf die obligatorische Bootstour mit Höhlen- und Wasserfallbesichtigung im Ba Be Nationalpark.

Staunestop

Doch die Landschaft wird zwischen Cao Bang und Trung Khanh noch skurriler. Wir müssen immer wieder halten, um die Zipfelmützen zu bestaunen. Einer der Götter hat sich entschieden hier eine Welt aus spitzen Bergen zu kreieren, die dafür gemacht ist mit dem Motorrad hindurchzugleiten.

Bikers Heaven

In Trungh Khanh stellen wir fest, daß es für eine Weiterreise zu spät ist und der Ort eigentlich keine Unterkunft hat. Zitat Lonely Planet: "There are no hotels located on the Vietnamese side of the border. Cao Bang is really the closest option for decent accomodation." Wir übernachten trotzdem bei einer hart feilschenden Vietnamesin in einer Art leerstehendem Hotel. Die Preisverhandlung führe ich mit ihrer Tochter am Handy als Dolmetscherin.

Nebenan essen wir eine abenteuerliche Suppe in einer runtergekommenen Waschküche und beschließen zum Frühstück auf den Markt zu gehen. Dort finden wir neben dem Hühnchenbasar auch ein paar süße Teilchen zum Frühstück und werfen schon mal einen Blick auf die unterschiedlichen Trachten der Marktfrauen.

kurzzeitige Käfighaltung Einkaufsmutti

Versehentlich übersehen wir zunächst die naheliegenden Höhlen auf dem Weg zum Ban Gioc Wasserfall. Den kann man dagegen nicht übersehen. Es sind erstaunlich wenig Touristen unterwegs für so einen spektakulären Wasserfall - westliche schon mal garnicht. Allerdings sieht das Gelände so aus, als ob auch mal ganze Busladungen abgekippt werden. Vielleicht ist es auch noch zu früh.

erstmal vollständig abschreiten das Bächlein...

Wir genießen die Fahrpause und nehmen ein erfrischendes Fußbad. Hier tuschieren wir erstmals die chinesische Grenze auf dieser Tour. Theoretisch kann man rüberschwimmen, wäre ja nicht das erste mal, daß wir unverhofft dort landen. Stattdessen werden von beiden Seiten Floßfahrten bis jeweils zur Flußmitte und dicht an die tosenden Fälle heran angeboten.

...und dann rein mit den geschundenen Biker-Füßen

Der deutschen Gründlichkeit nachgebend machen wir dann doch noch die Nguom Ngao Höhle ausfindig. Hier sind wir die einzigen Gäste weit und breit. Aber aus mir wird in diesem Leben kein Höhlenmensch mehr. Kennt man eine, kennt man alle. Außerdem bleibt immer ein gewisses Utglibsch-Risiko. Ich wünsch mich sofort zurück zu den Ochsen, die am Wasserfall dösen dürfen.

mmh

Von den Fällen führt die Straße nun immer entlang der Grenze. Land und Leute auf diesem Loop ganz im Nordosten Vietnams bleiben wunderbar exotisch, wie dieser von Ramona unter Einsatz ihres Lebens geschossener Videoschnipsel beweist.

Ortsdurchfahrt

Beim Mittagsstop in Thanh Nhat kosten wir aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten von einer Nudelsuppe die offensichtlich mit wertvollen Innereien gespickt ist. Vorbei an badenden Mädchen folgen wir immer der Straße, sodaß wir noch rechtzeitig vor Einbruch der Dämmerung Cao Bang erreichen.

Freibad rechts oben von Vietnam Bademädchen

Tags darauf wird es richtig anstrengend. Die Straße nach Nguyen Binh ist eine einzige Dauerbaustelle und mausert sich zu einer echten Tortour. Bei Bao Lac passieren wir diese Brücke und hoffen auf bessere Straßenverhältnisse auf der anderen Flußseite.

Flußquerung bei Bao Lac

Zuerst ist das auch der Fall. Später müssen wir an solchen Passagen warten bis einer der Bulldozerfahrer eine Rampe für uns hinschiebt, damit ich mich durch die Modder graben kann.

Warten auf die Straße...

Doch es wird noch enger und irgendwann fahren wir den einspurigen Trampelpfad eines Hanges entlang. unüberwindbare Gebirgsgrenze Rechts immer die Grenze zu China, die schon allein durch die Geographie unüberwindbar ist und links immer der Abhang. So schlängeln wir uns munter zwischen Hangfeldern und Steilhängen bis zu diesem W50 in Chi Le. Die ganzen Restbestände die sonst immer noch bei Heiligengrabe am Autobahnkreuz Wittstock/Dosse rumstanden, sind offensichtlich nach Vietnam gegangen. Dieser hier hat zuvor beim Transportunternehmen Erhard Czaplinski gedient. Ich verzichte darauf, den Arbeitern zu erklären, daß ihr LKW aus meinem Heimatland kommt und freue mich stattdessen, daß dieses Stück DDR-Geschichte noch im Einsatz ist.

überraschende W50-Begegnung

Doch die Brigade am W50 meint wir können die Straße nicht weiter fahren, da die Brücke ein paar Kilometer weiter gesperrt ist. Also folgen wir einem Jungen auf seinem Motorrad über noch steilere Abhänge als bisher. Ein falsches Lenkmanöver und unser Motorrad schießt mit uns ins Tal des Todes. Ramona als Sozius krallt sich steif an unser Krad und wagt nicht, sich zu bewegen. Bei der kleinsten Unebenheit versuche ich, das Gewicht der Maschine zum Berg hin und nicht etwa zum Abhang zu verlagern. Unser Motorrad-Guide-Junge muß ständig auf uns warten und kann unsere Höhenangst offensichtlich nicht nachvollziehen.

Boarding complete

Ob die Geschichte mit der gesperrten Brücke stimmt oder ob es nur darum geht uns ein paar Dönger für die Bambusfloßfahrt aus der Tasche zu locken - wir werden es niemals erfahren. Nach der Höllen-Hangfahrt, dem sicheren Tod ins Auge blickend, macht dieses Floß jedoch einen absolut soliden Eindruck auf uns.

noch ein paar Nachzügler... ...und Abfahrt

Am anderen Flußufer angekommen machen wir erstmal Rast, um den Adrenalinspiegel etwas zu senken. Dabei beobachten wir den Fährmann bei seinem Geschäft. Nach uns werden Mutter und Tochter eines Bergvolkes befördert. Die haben regelrecht Angst und wagen es nicht uns auch nur anzusehen, obwohl wir sie freundlich aufmunternd anlächeln. Eventuell ist es ja ihre erste Begegnung mit bleichgesichtigen Langnasen.

Hocken ist vermutlich sicherer

Die Menschen in dieser Region haben eigene ethnische Wurzeln. Der Unterschied zum "typischen" Vietnamesen ist deutlich erkennbar. Dieser Cowboy hier kennt keine Scheu und nimmt uns neugierig unter die Lupe.

Fähre verpaßt? - Die nächste kommt bestimmt.

Doch wir wissen nicht wie unwegsam das Gelände eventuell noch wird und wollen nicht im Freien übernachten. Nachdem der einspurige Hangweg wider Erwarten Zugang zu einer befestigten Schotterstraße gewährt, steigt die Zuversicht doch noch Meo Vac zu erreichen. Jetzt treffen wir immer öfter auf Angehörige der örtlichen Bergvölker.

Bergvolk-Mädchen Freundliche Frauen

Diese drei Frauen spreche ich an und bitte sie, Fotos machen zu dürfen. Die Perspektive täuscht. Ramona steht ein paar Meter hinter den Frauen. Tatsächlich sind die drei unheimlich klein, wenn wir uns danebenstellen.

kicherndes Trachten-Trio

Das Trio ist weniger ängstlich und sie kichern noch beim Abschied in der typisch asiatischen Art. Sie fühlen sich wohl geschmeichelt und das sollen sie auch.

Unser Bike mit Ölfläschchen am Lenker

Wir gönnen unseren weichgeklopften Gesäßen eine letzte Rast in der wunderbaren Landschaft und erreichen das Tal von Meo Vac, wo wieder Annehmlichkeiten der Zivilisation spürbar sind. Wir kommen in einem brandneuen sterilen Hotel unter.

Für den Besuch der gesamten Region sind extra Genehmigungen erforderlich, die man sich üblicherweise vorher in Ha Giang holt. Da wir Meo Vac von der "falschen" Seite ge-entert haben, werden wir von der Hotelrezeption zur Polizei gebeten. Ohne Erlaubnis darf niemand einchecken. Das Polizeirevier ist praktischerweise gleich nebenan. Beim ersten Besuch treffen wir allerdings niemanden an. Beim zweiten gibts Tee und -nachdem unsere Pässe lang genug durch alle Hände gegangen sind- auch die nötigen Permits gegen einen Obolus.

Frühstücks-Onkel

Am kommenden Morgen kurven wir etwas durch die City und essen ein leckeres Frühstücksei-Dingens aus der mobilen Küche bei dem Onkel mit dem grünen Hut. Dazu reicht er uns laute, harte Kost aus der integrierten Lautsprecheranlage.

Die Einheimischen der umliegenden Siedlungen sind schon füh morgens in ihren traditionellen Gewändern unterwegs und machen Besorgungen.

Morgens halb 10 in Meo Vac

Laut Reiseführer folgt in Richtung Ha Giang jetzt der landschaftlich spektakulärste Abschnitt. Und das verdammte Teil soll Recht behalten. Kaum verlassen wir Meo Vac werden die reinen Dimensionen der Berge überwältigender denn je.

Blick nach unten... ...und zurück

Erstaunlich und erschreckend zugleich, daß auf diesen steilen Abhängen rege Ackerbau betrieben wird. Wir entdecken immer wieder bunte Punkte auf fernen Steilhängen, die sich als menschliche Hanghühner entpuppen.

Hanghühner - klicken um aufzuscheuchen

Die Straße hat jetzt 1a Qualität und wir halten öfter, um die Berge und Täler wirken zu lassen oder Einheimische in ihrem Alltag zu beobachten. Am Nachmittag begegnen wir zum ersten und einzigen mal auf der ganzen Tour zwei anderen weißen Bikern, die eine ähnliche Runde - in entgegengesetzter Richtung - absolvieren.

Verstärkung für die Hanghühner? Straßenbegegnung

Noch am selben Nachmittag, werfen wir unsere Blicke auf diesen unverhüllten, perfekt geformten, riesigen grünen Busen. Ich taufe ihn auf den Namen Titty Twister. Tatsächlich heißt dieser Ort angeblich "Nui doi o Quan Ba" - zumindest schmeißt Google Maps das zu den Geokoordinaten raus. Der Name bedeutet bestimmt etwas ähnliches.

Titty Twister

Erschöpft von all den Serpentinen verbringen wir eine Nacht im langweilig-schmucklosen Ha Giang.
Der letzte Tag unserer Tour ist ausschließlich für die Rückreise nach Hanoi vorgesehen. Als wir in irgendeinem entfernten Vorort unsere mittägliche Nudelsuppe verputzen, werden wir von einer Englisch-Lehrerin angesprochen. Ihr Englisch bleibt harter Tobak, aber offensichtlich sind alle Lehrer der Schule versammelt, um sich am Reiswein gütlich zu tun.
Natürlich werden wir genötigt mitzubechern. Ich kann mich schnell damit rausreden, daß ich noch fahren muß, aber Ramona wird abgefüllt. Der Direktor ist schon deutlich angejagt und umarmt uns immer wieder. Alle sind ganz glücklich, uns getroffen zu haben. Am Ende besteht der Direktor auch noch darauf unsere Suppe zu zahlen. Was für eine Herzlichkeit und welch ein Gegensatz zum Haiphong Massaker, das wir noch vor wenigen Wochen gefochten haben.

rührselige Reiswein-Runde

In gleichgültiger Seligkeit gleiten wir bei drückender Hitze Richtung Hauptstadt. Wir sollen zu einer bestimmten Uhrzeit, an die ich mich nicht mehr erinnere, das Motorrad zurückgeben. Doch der Verkehr ist absolut irre. Wer abenteuerlich, enge Verkehrsmanöver in einer Großstadt voller Mopeds liebt, dem empfehle ich, an einem späten Samstagnachmittag ins Zentrum von Hanoi vorzudringen. Irgendwann haben wir keinen Plan mehr, wo wir sind. Unsere kleine Karte Nordvietnams ist viel zu ungenau.

Kreuzungsgewusel - am Tag nach unserer Ankunft

Bei einem der Orientierungsstops erbarmt sich ein Einheimischer Zweiradfahrer. Er meint, er muß sowieso in die Ecke und wir sollen ihm einfach hinterherfahren. Es macht Spaß zu versuchen an ihm dranzubleiben ist aber auch unheimlicher Stress. Er schlägt immer wieder schnelle Haken, erkämpft sich die Vorfahrt und nimmt unerwartete Abkürzungen durch enge Gassen. In den vergangenen Tagen hatten wir die Straßen und Wege meist für uns allein. Jetzt ist es ein einziges Gewusel. Doch unser Helfer bringt uns zielsicher ins Zentrum und irgendwann kennen wir uns wieder aus, bedanken uns und klappen das Kapitel Motorcycle Diaries II zu.

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